Von René Kälin
Das Hirn hat zahlreiche Funktionen; es hat nicht nur die Aufgabe, unseren Körper zu bewegen, sondern es muss auch noch Informationen von den Augen, von den Ohren und anderen Organen verarbeiten und entsprechende Entscheide fällen. Daher gibt es auch Dutzende von Begleitsymptomen der Cerebralparese. Ich habe hier nur die allerwichtigsten und bekanntesten zusammengestellt, die auch die Schweizerische Vereinigung zugunsten cerebral Gelähmter (SVCG) für erwähnenswert hält.
Viele Menschen sind der Meinung, eine cerebrale Lähnmung habe auch etwas mit einer geistigen Behinderung zu tun. Primär hat die Cerebralparese vorerst nichts mit einer geistigen Behinderung zu tun, nur der Körper und dessen Bewegungsabläufe sind betroffen. Es wird aber immer wieder eine geistige Behinderung in Zusammenhang mit einer Cerebralparese festgestellt. Dabei handelt es sich jedoch meistens nicht um eine Einschränkung der Lernfähigkeit wie bei anderen geistig Behinderten, die ab einem gewissen Niveau nicht mehr mitkommen. Bei der geistigen Behinderung in Zusammenhang mit einer Cerebralparese stellt man ein reduziertes Abstraktionsvermögen fest. Der cerebral Gelähmte mit entsprechender geistiger Behinderung schafft es nicht, einen konkreten Sachverhalt zu verallgemeinern. Es ist aber sicherlich nicht ausgeschlossen, dass auch schwerere geistige Behinderungen vorkommen, das Hirn ist ja bekanntlich komplex und sehr empfindlich.
Sprachstörungen sind die häufigsten Begleitsymptome der Cerebralparese. Sie kommen durch Koordinationsschwierigkeiten im Bereich des Sprechapparates und der Sprechmuskulatur zustande. Dabei spricht der Spastiker wegen seinem hohen Muskeltonus langsam, mühsam und mit ungenügender Artikulation. Der Stimmumfang des Spastikers ist gering.
Bedingt durch die Tonusschwankungen hat der Athetotiker mit Stimmstörungen, Stimmlosigkeit und Heiserkeit zu kämpfen. Auch hat er einen verlangsamten Redefluss. Bei Ataxien finden wir eine stark verlangsamte, schlecht artikulierte, monotone Sprache. Da verschiedene Körperteile durch verschiedene Symptome betroffen sein können, ist es auch möglich, dass z.B. ein Spastiker die Sprachstörungen eines Athetotikers hat oder umgekehrt!
Bei vielen cerebralparetischen Kindern mit Sprachstörungen finden wir bereits Ess- und Trinkschwierigkeiten im Babyalter. Bei frühzeitiger Entdeckung lässt sich die Sprache durch Logopädie entscheidend verbessern.
Sehstörungen sind etwas ganz typisches für die Cerebralparese. Die Augenmuskulatur kann wie andere Muskeln ebenfalls betroffen sein. Weil durch die Fehlsteuerung der Augenmuskulatur die beiden Augen nicht mehr richtig zusammenarbeiten, kommt es zu Doppelbildern. Da dies dem Kind unangenehm ist, schaltet es ein Auge aus, was durch das Schielen des Kindes erkennbar wird. Mit der Zeit verliert das "ausgeschaltete Auge" an Sehschärfe, kann sogar erblinden. Dank der heutigen Früherkennung gelingt es häufig, das Schielen durch geeignete Sehhilfen zu vehindern.
Auch Hörstörungen gehören zu den möglichen Symptomen der Cerebralparese. Man soll sich aber dessen bewusst sein, dass diese durch CP verursachten Hörstörungen keine organischen Probleme sind, sondern mit der Verarbeitung im Hirn zu tun haben.
Spastische Kinder sind häufig willensschwach, besonders was die körperliche Bewegung anbetrifft (was durchaus verständlich ist, bedeutet doch körperliche Betätigung für den Spastiker einen enormen Kraftaufwand). Diese Willensschwäche kann aber durch eine Therapie, die früh einsetzt, vermieden werden, da das Kind vom Gefühl (nicht von der Vernunft!) her einsieht, dass ihm die körperliche Aktivität etwas bringt. Ausserdem kann es bei Kindern mit einer spastischen Hemiplegie zu Trotzreaktionen kommen (besonders wenn die Therapie erst etwa mit drei Jahren beginnt) weil das Kind nicht einsehen kann, wieso es denn jetzt den behinderten Arm gebrauchen soll, geht es doch mit dem "gesunden" wesentlich leichter.
Athetotiker haben die Tendez, affektlabil zu sein. D.h., ihre Stimmung steigt und fällt wie ihr Muskeltonus. In der einen Sekunde lachen sie, in der nächsten schreien sie aus vollem Halse. Ihre Stimmung reagiert meist auch nicht der Situation entsprechend.
In den ersten zwei Jahren lernt das normale Kind über seinen Tast-, Lage- und Gesichtssinn seinen Körper und seine Umwelt kennen. Es ist ständig über seine aktuelle Körperhaltung informiert und weiss sich mit der Zeit im Raum zu orientieren. Es baut sich ein sog. Körperschema auf. Bei einem zerebralparetischen Kind - besonders bein Spastiker und Ataxien - ist dieses Körperschema oft lückenhaft. Dies findet oft Niederschlag in den Aufgaben des täglichen Lebens. Das An- und Ausziehen wird zum Problem, weil das Orientierungsgefühl am eigenen Körper fehlt. Auch einfache Puzzles oder das Zeichnen eines Männches erweist sich als beinahe unüberwindbares Hindernis.
Für den Therapeut / die Therapeutin ist es sehr wichtig zu wissen, wie sich der cerebral geschädigte Säugling im Vergleich zu einem normalen Säugling entwickelt, um dann die richtigen therapeutischen Massnahmen treffen zu können. Aus diesem Grund möchte ich an dieser Stelle ebenfalls einen groben Vergleich anstellen, um in den folgenden Abschnitten eine bessere Erklärungsgrundlage zu haben.
Ich vergleiche den ersten mit dem achten Monat, da für meine Zwecke der Vergleich dort am deutlichsten ist. Ich konzentriere mich dabei auf die Grob- und Feinmotorik, auf den Haltungs- und Muskeltonus, auf die Gleichgewichtsreaktionen und die Reflexe.