Cerebralparese-Behandlung nach Bobath und Vojta

Behandlung nach Bobath und Vojta

Von René Kälin

Das Bobath-Konzept

Das Ehepaar Betra und Karel Bobath hat die Therapie von cerebralparetischen Kindern revolutioniert. Die Krankengymnastin Berta Bobath hat die praktischen Zusammenhänge empirisch entdeckt, der Arzt Dr. Karel Bobath hat sie später neurophysiologisch begründet.

Berta und Karel Bobath wurden 1907 bzw. 1906 in Berlin geboren, waren dann aber auf Grund ihrer jüdischen Abstammung in der nationalsozialistischen Zeit gezwungen, zu emigrieren. Per Zufall trafen sich Berta und Karel, die sich schon seit ihrer Kindheit kannten, in London wieder und heirateten. Die beiden entschieden sich 1991 für den Freitod.

Das Bobath-Konzept basiert darauf, dass man die Spastizität und die unkontrollierbaren Reflexe durch gewisse Stellungen und Bewegungen des Körpers zum nachlassen oder sogar zum verschwinden bringen kann. Das Ehepaar Bobath vertrat hiermit eine völlig neue Betrachtungsweise. Früher waren Krankengymnasten und Neurologen der Ansicht, die Spastizität müsse als gegebener, fixer Zustand betrachtet werden, der sich nur über längere Zeiträume beeinflussen liesse.

Die Bobaths haben eine Reihe von sog. reflexhemmenden Bewegungsmustern aufgestellt, aus denen der Therapeut diejenigen wählen kann, bei denen er im konkreten Fall den grössten Erfolg erzielt. Gleichzeitig soll er eine "Bewegungsbahnung" machen, d.h. er soll versuchen, die spastische Energie in die richtigen Bahnen, sprich zum Aufbau eines normalen Haltetonus, zu lenken. Konkret stehen dem Therapeuten zwei Mittel zur Verfügung: Einerseits kann er die sog. Schlüsselpunkte (Kopf, Schultern und Hüfte) beeinflussen, andererseits kann er durch Tapping die Spastizität und die Reflexe hemmen. Dabei stehen ihm vier Arten von Tapping zur Verfügung:

a) Inhibitorisches Tapping
b) Alternierendes Tapping
c) Streichtapping
d) Drucktapping

Berta Bobath formulierte die Ziele des Bobath-Konzeptes folgendermassen:

a) Normale Haltungsreaktionen und normalen Haltungstonus aufbauen, um sich gegen die Schwerkraft aufrecht zu halten und die Bewegungen zu kontrollieren.
b) Der Entwicklung von falschen Haltungsreaktionen und abnormen Haltungstonus entgegenzuarbeiten.
c) Dem Kind das Gefühl für Hantierungen und Spiel zu geben und die funktionellen Muster zu vermitteln, die es für das Füttern, Waschen, Anziehen usw. braucht, um sich zu verselbstständigen. Kontrakturen und Deformierungen zu verhindern.

Das Vojta-Konzept

Neben dem Rehabilitationskonzept nach Bobath gibt es auch noch eines von Dr. Vojta. Die beiden Konzepte sind sich ziemlich ähnlich. Auch das Vojta-Konzept beinhaltet die Bewegungsbahnung. Allerdings will er die normalen Bewegungsmuster nicht durch Bewegungen oder Stellungen, die kaum eine spastische Reaktion hervorrufen, herbeiführen, sondern die Reflexe des Kindes ausnutzen, um die normalen Bewegungsmuster auszulösen.

Somit haben beide Konzepte die gleichen Ziele, der Weg ist unterschiedlich. Das Bobath-Konzept - welches übrigens auch bei mir angwandt wurde und angewendet wird - erscheint mir etwas vielseitiger, da es doch auch noch das Tapping beinhaltet, was Dr. Vojta nicht aufgenommen hat.

Dafür hat er einen ganz interessanten Zusammenhang zwischen dem Bewegungsverhalten eines Säuglings und dessen Zentralnervensystem (ZNS) entdeckt. Er hat entdeckt, dass das Bewegungsverhalten den fortschreitenden Reifungsprozess des ZNS widerspiegelt. D.h., je weniger sich der Säugling bewegt, je ruhiger er ist, deso weniger weit ist der Reifungsprozess des ZNS vorangeschritten. Obwohl er diesen Sachverhalt erst etwa 1950, also fünf bis zehn Jahre nach der Entwicklung des Bobath-Konzeptes entdeckt hat, half er den Bobaths sehr bei der Verfeinerung ihres Konzepts.


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