Von René Kälin
Betrachtet man die pathologischen Bewegungsmuster der Cerebralparese, wird deutlich, dass es mit der Zeit spürbare Schäden geben wird. Die Aufgabe von Physiotherapeuten und Orthopäden ist es daher, diese, wenn möglich, zu verhindern oder, wenn es bereits zu spät ist, zu korrigieren.
Durch spastische Muskulatur kommen Fehlstellungen von Gelenken zustande. Diese Gelenke sind nicht für eine solche Fehlstellung konstruiert und werden dem entsprechend abgenutzt, es entsteht eine Arthrose. Besonders gefährdet sind die Hüften, die Hand-, Schulter- und Fussgelenke.
Neben den Arthrosen können auch Kontrakturen (Verkürzungen) von Muskeln und Sehnen vorkommen. Dies ist klar, wenn man sich vor Augen hält, dass die Spastizität einen Muskel in dauernder Kontraktion hält. Der Muskel "gewöhnt" sich mit der Zeit an diese Situation und verkürzt sich entsprechend. Von solchen Kontrakturen am häufigsten betroffen sind Oberarm- und Oberschenkelmuskulatur (besonders die Flexoren), Flexoren der Hand, Kniebeuger und Achillessehnen.
Bei Verkürzungen von Kniebeugern und Achillessehnen wird der Stand für den Betroffenen noch schwieriger als er ohnehin schon ist. Die Grundfläche ist kleiner, der Betroffene steht nur auf dem Vorfuss. Kann er trotzdem stehen, muss er sich durch Zusammendrücken der Knie stabilisieren ("Kissing knees" nach Dr. med. F. Tschui, Spezialarzt für orthopädische Chirurgie, Zürich). Dies wiederum kann ebenfalls zu Deformierungen der Hüften führen. Wie man sieht, ist es unbedingt nötig, dass man solche Folgen zu vermeiden sucht.
Späteren Arthrosen kann man nie mit 100-prozentiger Sicherheit vorbeugen. Man kann höchstens das Risiko dazu minimieren, indem man Fehlstellungen, wie wir sie in der Abbildung gesehen haben, durch Extensionsschienen, die der Betroffene nachts oder in Ruhesituationen trägt, korrigiert. Dabei gilt aber stets zu beachten, dass man die geringe Bewegungsfreiheit des Kindes nicht noch zusätzlich einschränkt.
Verkürzungen von Muskeln und Sehnen kann man auch mit Schienen vorbeugen. Die primäre Vorbeugungs-methode ist jedoch eine regelmässige Physiotherapie, d.h. dehnen, dehnen, dehnen; wenn möglich auch aktiv.
Die Erkennung von Kontrakturen und Fehlstellungen obliegt dem Orthopäden, der die Dehnbarkeit der Muskeln und Sehnen regelmässig überprüft und die Gelenke, vor allem die Hüften, röntgt. Auch der Physiotherapeut sollte melden, wenn er gewisse Veränderungen festgestellt hat.
Gelenkdeformierungen werden korrigiert, indem man das betroffene Gelenk durch eine Prothese ersetzt oder versteift. Sollte eine Sehne (bzw. ein Muskel) soweit verkürzt sein, dass die Dehnung nichts mehr nützt, muss sie ebenfalls operativ verlängert werden. Dabei wird nicht etwa ein Stück tierische Sehne eingesetzt, sondern die Sehne wird "angeschnitten". An der Schnittstelle bilden sich neue Zellen, die Sehne verlängert sich.