Von René Kälin
Eines der grossen Probleme vieler Cerebralparetiker ist die Spastizität der Muskulatur. Man fragt sich, wie man sie lindern könnte. Eine Möglichkeit ist, Medikamente einzusetzen, die die Spastizität verringern, sog. Spasmolytika. Die Nachteile der Spasmolytika liegen vor allem in der Gefahr der Abhängigkeit und in den diversen Nebenwirkungen, unter anderem die extreme Müdigkeit. Deshalb werden Spasmolytika nur für kurze Zeit eingesetzt, z.B. nach Operationen. In der medikamentösen Behandlung der Spastizität wären THC-Präparate ein Ausweg aus dem Labyrinth von Abhängigkeit und Nebenwirkungen. Weil aber THC in den Ohren der Bevölkerung nach Haschisch und Drogen tönt, weisen die Leute diese Präparate allzu schnell von sich. Man soll sich einmal überlegen, wie viele (meist synthetisch hergestellte) Medikamente rezeptfrei erhältlich sind, die man als Drogen missbrauchen kann; Schlafmittel sind ja in diesem Zusammenhang recht bekannt. Und wenn man dann noch bedenkt, dass Naturvölker schon vor vielen Jahren THC als Genuss- und Heilmittel konsumiert haben, sollte man den Einsatz von THC als Spasmolytika doch in Erwägung ziehen. Natürlich muss die Menge so gering sein, dass sie keinen Rausch auslöst.
Früher waren die Mediziner der Meinung, man könne durch häufige Therapie der gelähmten Glieder oder durch Operationen an den geschädigten Nervenzentren eine Heilung der Patienten herbeiführen. Man hat Kinder dauernd dazu angehalten, nur den gelähmten Arm oder nur das gelähmte Bein zu benutzen. Der therapeutische Erfolg war ernüchternd. Die Kinder waren psychisch gestresst und unglücklich, der Zustand der Lähmung hatte sich aber kein bisschen verbessert. Erst mit der Entwicklung des Bobath-Konzeptes wurden neue Wege gegangen.
In den ersten Lebenjahren eines cerebral gelähmten Kindes wird zwar immer noch versucht, das Bestmöglichste aus den gelähmten Extremitäten herauszuholen, weil in den ersten sieben Jahren die Besserungschancen am grössten sind. Später jedoch wird in der Orthopädie und Physiotherapie nur noch versucht, Kontrakturen von Muskeln und Sehnen und Fehlstellungen von Gelenken zu verhindern oder sie allenfalls zu korrigieren. Als Gegenpol konzentriert sich die Ergotherapie darauf, die übrig gebliebenen Möglichkeiten, die gelähmten Extremitäten noch zu bewegen, in den Alltag des Betroffenen zu integrieren und so gut als möglich auszunutzen.
Man sieht, in der medizinischen Betreuung eines cerebralgelähmten Menschen herrscht nicht mehr das Motto "Heilen geht über alles!" sondern das Motto "Mit Cerebralparese leben oder allenfalls leben lernen!".