Tom Kargermeier: Erfahrungen mit einer myoelektrische Armprothese

Kunst und Künstliches: Mensch und Maschine

Von Tom Kagermeier

Zeichnungen: © Foto, Tom Kargermeier, 1989Zeichnungen: © Foto, Tom Kargermeier, 1989Modernste Materialien wie Carbonfasern und komplexe Myoelektronik machen die Prothese von heute zu einem High-Tech Gerät. Dies bringt sie zunächst eher einer Maschine als einem menschlichen Körperteil nahe. Die Bildbearbeitung mittels CAD-Rechner schien mir daher als persönlich involvierter Autor ein adäquates Mittel für meine Intention, vor allem Außenstehenden einen künstlerisch-ästhetischen Blick auf Menschen mit einer Prothese zu ermöglichen - gerade das Hinschauen, im Gegensatz zum oft leichteren Ignorieren, ist mein allererstes Anliegen. Dem Betrachter wird das Objekt in einem unerwarteten, ungewohnten Kontext außerhalb eines Krankenhauses oder einer anderen medizinischen Einrichtung dargeboten. Die Bereitschaft,genauer hinzusehen und hinter dem scheinbar bekannten etwas Neues, Sehenswertes zu entdecken, wird damit vielleicht erhöht.

Befangenheit mag beim Menschen in der Assoziation der Körperprothese mit einer Körperbehinderung gründen – kaum vermeidbar. Behinderung im sentimentalen Sinn will jedoch nicht der Ansatz meiner Arbeit sein-auch und gerade weil die Prothese ein im eigenen Alltag so immanentes Objekt darstellt. Prothese ist immer Ersatz für ein Körperteil. Der Körper ist dem Gedanken das Nahste, Unmittelbarste, was wir an uns und einem anderen Menschen greifen und wahrnehmen können. So ist die Prothese als Ersatz ein "Double", vielleicht kann man sagen, ohne eigene Identität - sie beansprucht, täuscht vor, ein Körperteil zu sein und bleibt doch Fremdkörper. Vielleicht ist es das, was manchmal Befremdung bei uns auslöst, wenn wir auf einen Menschen mit einer Prothesenversorgung treffen.

Meine Bilddarstellungen haben keinen Anspruch, allenfalls ein Anliegen: Oberfläche zu beschreiben, aus unterschiedlichsten Ansichten und Auffassungen, auf teilweise heitere, humorvolle, (selbst-) ironische Weise, im Kontext und eigenwertig-eine intellektuelle Anregung zu geben für eine tiefere Auseinandersetzung.

Kunst und Künstliches als Thema – Künstliches, das ist augenscheinlich das Produkt des Orthopäden, die Kunst das Transportmittel für das Anliegen, engstvertrautes und doch fremdes, künstliches auszustellen. Durch die Verknüpfung der Prothese und ihrer Bausteine mit Kunstobjekten und die Komposition von computergenerierten Einzelbildern beschränkt man den Betrachter nicht mehr nur auf die Ebene von Medizin und Funktionalitätsdenken: eine Ebene, auf der die Prothese selbstverständlich auf ein eingebüßtes Körperteil und somit auf ein Defizit hinweist. Es eröffnet sich ein erweiterter Zugang auf der Basis von ästhetischer Konfrontation, die Prothese als eigenständige Farb- und Formgestalt. Damit bleibt sie nicht mehr bloße Kopie, sondern wird selbst Original.


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Verfasser: Tom Kagermeier (© Tom Kargermeier, 1989)
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