Von Albrecht Marignoni, 2002
Das Mutterland der Selbsthilfe ist Amerika. "Self-help" ist dort ein umfassender Begriff für den hilfreichen Austausch über viele alltägliche Probleme der Menschen.
Das US-amerikanische WWW bietet heute eine unermeßliche Informationsquelle für die Selbsthilfe der Menschen mit Behinderungen. Neben den etablierten Selbsthilfeorganisationen haben zahlreiche Privatanbieter mit großem Fleiß und unermüdlichem Einsatz Orientierungspunkte zu allen Behinderungsarten entwickelt.
Von großer Bedeutung für die Selbsthilfe im US-amerikanischen Internet sind Mailinglisten. Schon sehr früh setzten Universitäten, Softwarehersteller und Websiteentwickler auf eine enge Kooperation. So stellte etwa die US-amerikanische Firma mit europäischen Wurzeln L-Soft der St.Johns-Universität ihre Software kostenlos zur Verfügung. Bereits im März 1998 befanden sich auf dem Server der Universität 725 Listen mit 200 000 Teilnehmern, die täglich 950 000 Emails austauschten. Noch heute dürfen diese Listen auch private Webentwickler benutzen (Quelle: Werbeprospekt Firma L-Soft international, Communicating with millions, Landover, Maryland USA, 1998).
Yahoogroups-USA weist für den Bereich "Support Groups" (Hilfe, Unterstützung) und "Behinderung" 4937 Mailinglisten (Stand: 28.08.02) auf. Nicht alle Mailinglisten auf dem Yahoo-Webserver halten das was sie versprechen. In einigen Gruppen sind nur wenige Mitglieder eingeschrieben. Je weniger Mitglieder, desto geringer ist die Chance eine schnelle Antwort auf eine mögliche Frage zu erhalten.
Da seit vielen Jahren zahlreiche Deutsche über leidliche Kenntnisse der englischen Sprache verfügen, trifft man immer wieder in den amerikanischen Mailinglisten auf Deutsche. Sie verbindet die Faszination für die "komplizierte Reibungslosigkeit" US- amerikanischer Lebensverhältnisse.
Die Gesamtzahl US-amerikanischer Mailinglisten kann wohl die Anzahl von 100 000 übersteigen. Es kann daher von einer Mailinglisten-Kulur gesprochen werden, deren Bedeutung in den nächsten Jahren zunehmen dürfte.
Auch im deutschen Internet sind bereits einige Mailinglisten zum Thema Behinderung entstanden. So verzeichnet etwa Yahoo-Deutschland 1731 Mailinglisten (Stand: 28.08.02). Die IT-Marke Domeus der eCircle AG aus München bietet ihren Benutzern zahlreiche Mailinglisten zum Thema Behinderung an.
Eine Mailinglisten-Kultur ähnlich der in den USA ist jedoch in Deutschland noch nicht entstanden. Der Grund dafür ist vermutlich die Verweigerung einer Zusammenarbeit deutscher Universitäten mit privaten IT-Entwicklern. Bürokratische Hemmnisse haben hier die Entwicklung einer freien Mailinglisten - Kultur behindert.
Weitere Gründe könnten technischer Natur sein: für die Einrichtung der Mailinglisten-Programme benötigt der Eigentümer spezielle Zugänge auf den Webserver, der ihm oder ihr nur dann möglich ist, wenn ihm der Server selbst gehört oder der Eigentümer des Servers ihm diese Rechte gibt. Da aber diese Rechte sehr weitreichend sind, werden sie nur selten gewährt. Voraussetzung für eine Mailingliste wäre dann ein eigener Webserver.
Viele deutsche Mailinglisten haben sich aus Newslettern entwickelt. Noch heute werden neben dem Austausch der Mitglieder auch Newsletter und Ankündigungen deklaratorischer Art verschickt. So verteile noch im letzten Jahr ein heute insolventer konservativer "Behindertenverein" spezifische Definitionen, die die Mitglieder widerspruchslos hinnehmen mußten.
Erfreulich ist, daß in Deutschland viele Sehgeschädigte WWW-Benutzer sich in Mailinglisten zusammen geschlossen haben. Die Mailinglisten werden meist Privatpersonen koordiniert, die selbst eine Sehschädigung haben.
Die Mailingliste "blinhelp" wird von einer erst vor wenigen Jahren gegründeten Organisation "Heidelberger Verein Seh-Netz e.V." betrieben. Die Mitglieder des Vereins haben sich zur Aufgabe gemacht, durch ehrenamtliches Engagement unabhängig von ihrer Behinderung oder Nichtbehinderung, Veränderungen und Verbesserungen für Blinde und Sehbehinderte nicht nur zu fördern, sondern auch zu erreichen.
Es darf vermutet werden, daß auch in Deutschland eine Mailinglisten - Kultur entstehen wird. Das deutsche WWW hinkt hinsichtlich seiner technischen und sozialen Entwicklung um Jahre dem US-amerikanischen WWW hinterher. Je mehr vor allem privat Webangebote entwickelt werden, desto mehr wird die Anzahl der Menschen steigen, die einen Austausch im Sinne der Selbsthilfe im WWW suchen.