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Private Websites von Menschen mit Behinderung

Von Albrecht Marignoni, 1999

Für die Nomaden aus der globalisierten Welt sind private Websites Behausungen.

Häufige Ortswechsel bestimmen heute das Berufsleben. Die Homepage wohnt auf einem Server, der von jedem Ort auf der Welt ansprechbar ist. Die Website ist der einzige Ort, der sich nicht zwingend verändern muß. Umständliche Rundbriefe an Freunde sind überflüssig, die neue Adresse läßt sich ohne Mühe auf der eigenen Website eintragen und ist sofort weltweit abrufbar.

Der Arbeitsplatz ist immer weniger eine Heimstatt. Die Arbeitswelt stellt hohe Anforderungen: Lernfähigkeit-und Umstellungsfähigkeit. Eine private Website kann eine Möglichkeit sein, private und berufliche Netzwerke zu verbessern. WWW-unterstützte Vernetzung macht unabhängiger weil die Vernetzung selbst in Szene gesetzt wird. Mit neuen und früheren Berufskollegen kann einfach Kontakt gehalten werden.

Stimmt die tradierte Unterscheidungen privat, öffentlich noch? Privat heißt verborgen, geschützt. Im WWW läßt sich kaum noch etwas schützen. Auch wenn eine Person keine digitalen Spuren durch Einträge in Gästebüchern, Foren oder Chats hinterläßt, könnten Andere über eine ihnen bekannte Person schreiben. Im Verborgenen wird zukünftig niemand mehr leben können. Im WWW ist alles öffentlich. Daher könnte es von Vorteil sein, selbst die Richtung vorzugeben, in der die eigene Person erscheinen soll. Eine private Website ist dazu der beste Weg.

Menschen mit einem Handicap verfügen selbst über die besten Informationen. Sie sind mit ihrem Wissen den zahlreichen Selbsthilfegruppen oder Medizinseiten weit überlegen. Viele Menschen mit einem Handicap haben trotz ihres umfassenden Wissens mit eigenen Websites ihre Lebenssituationen weiter verbessert. Sie lassen mehr Offenheit zu und begreifen sich als Mitglieder der Cyberkultur. Nicht mehr als Mitglied einer Minderheit. Ein Gefühl, dass durch die Mitgliedschaft in einer Selbsthilfegruppe noch vertieft würde.

Die private Homepage ist längst nicht mehr der Ort übelster Selbstdarstellung. Sie ist ein muß für den modernen Menschen.

Privat versus kommerziell

Ist es Anmaßung eine private Website zu schreiben? Die Frage kann verneint werden, wenn die veränderte Medienlandschaft der Gegenwart berücksichtigt wird.

Viele Beobachter meinen, daß es eine Öffentlichkeit nicht mehr gäbe. Jeder kennt die neuen Gruppen: Friedensfreunde, Umweltfreunde, Behindertenfreunde oder Globalisierte. Sie lesen unterschiedliche Zeitungen, veröffentlichen in ihren eignen Zirkeln und referenzieren sich selbst. Große Zeitungen haben zunehmend Probleme, ihre Zielgruppe noch genau zu beschreiben. Das ist der Grund für die unübersichtliche Anzahl von Magazinen und Zeitungen, die in den letzten Jahren neu erschienen sind. Ist vielleicht die private Homepage der erste Schritt zur Aufhebung auch dieser neuen Gruppenöffentlichkeit?

Früher hieß es Gegenöffentlichkeit. Heute geht es um finanziellen Gewinn oder gesellschaftlichen Einfluß. Gewerbliche Websites haben viel Gelde in ihre Webauftritte investiert. Vereine, Parteien und andere Organisationen wollen die Öffentlichkeit für Ihre Interessen einnehmen. Da stören private Websites.

Würden alle WWW-Benutzer ihre eigene Homepage erstellen, gäbe es keine Serfer mehr auf kommerziellen oder Vereinswebsites. Private Entwickler verbringen weniger Zeit auf kommerziellen Seiten. Sie benötigt Stunden für die Erstellung von Inhalt, Technik und Gestaltung. Private Entwickler ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Zwar nicht in der gesamten Höhe der kommerziellen Anbieter, aber es reicht hier ein Konkurrenzverhältniss zu erkennen.

Die Existenz privater Websites hat bisher dazu geführt, daß WWW-Benutzer für Inhalte nicht bezahlen wollen. Auf privaten Websites finden sich häufig dichtere Informationen z.B. zum Thema Handicap als auf den Seiten der konservativen Selbsthilfe oder kommerziellen Websites.

Kommerzielle und Homepages von Vereinen weisen zu gleichen Themen oft ähnliche oder gleiche Inhalte auf. So finden sich Nachrichten aus dem Bereich der Selbsthilfe täglich auf mindestens 30 Websites wortgleich. Auch das Erscheinungsbild dieser Seiten unterscheidet sich nur bedingt.

Private Webmaster sind nicht an Redaktionsgremien gebunden, sie können daher einfacher publizieren. Unter der Voraussetzung, daß ihre Informationen überprüfbar sind, kann ihnen meist mehr Vertrauen entgegen gebracht werden. Das bedeutet nicht, daß private Websites unkritisch oder unpolitisch sind.

Besonders im Bereich der Selbsthilfe der Menschen mit Behinderung, werden private Websites in den nächsten Jahren erheblich an Bedeutung gewinnen.

Kommerzielle und vereinsgebundene Websites verweisen immer weniger auf private Websites. Für den privaten Webmaster ergibt sich daraus das Problem seine Website bekannt zu machen. Für den nach guten Informationen suchenden User besteht das Problem, gute private Websites zu finden.

Resümee

Bei den Recherche zu diesem Bereich fanden wir hundert Homepages mehr, die hier hätten beschrieben werden können. Orthopoint wird weiter an diesem Thema arbeiten.

Da ist z.B. die Seite eines Studenten aus Deutschland, der im Ausland lebt und seine Homepage in der lateinischen Sprache geschrieben hat, oder Die Homepage eines Mannes, der über 160 rollstuhlgerechte Unterkünfte mit einer ausführlichen Beschreibung zusammengestellt hat.

Was zeichnet alle Seiten aus?

Hervorragende Benutzerführung Sicherer Einsatz von HTML und anderen Sprachen Angemessener Umgang mit Bildern und Ton Selbstbeschreibungen und keine Selbstüberzeichnung Die Darstellung der Behinderung gelang jeweils ohne Mitleid zu erregen oder übertriebene Offenheit.

Das Erstellen einer privaten Website ist Fleißarbeit. Der Erfolg hat sich bei keinem Webmaster sofort eingestellt. Alle Websites sind Orte der Kommunikation, der Begegnung und der Information zu mehreren Themen. Viele hier vorgestellte Homepages sind zu Marken gewachsen. Sie verfügen über einen Wiederkennungswert.

Die Reise in die Welt der privaten Homepages war für Orthopoint spannend. Wir hoffen, daß in den nächsten Jahren noch mehr gute und schöne private Homepages entstehen.


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