Ein Kommentar von Albrecht Marignoni
Weblogbeitrag vom 10.01.2009
Zum ersten Mal hat sich nun ein deutscher Rechtsanwalt außerhalb seines Fachbublikums zum Thema "Body Integrity Identity Disorder" (BIID) geäußert. Oliver Tolmein, der einen Weblog zum Thema Bioethik auf der Website der Frankfurter Allgemeinen Zeitung betreibt, ist nicht nur Rechtsgelehrter sondern auch Journalist, der sich schon des öfteren mit bioethischen Themen befaßt hat. Mir erscheint es daher lohnenswert, auf seine Überlegungen, die er unter dem Titel "Ich wünsche mir eine Querschnittlähmung...." - Die Debatte über Body Integrity Identity Disorder veröffentlicht hat, hier einzugehen. Aus der Sicht eines in der Rehabilitation tätigen Beobachters, stimme ich seiner These zu, die lautet „gerade wenn umfassende Persönlichkeitsstörungen ins Visier genommen werden, (ist) in ethischer Hinsicht äußerste Vorsicht und Zurückhaltung (geboten).“
Zuerst einmal fällt auf, dass Oliver Tolmein die vorhergehende medizinethische Diskussion in den angelsächsischen Ländern über die ethische Vertretbarkeit freiwilliger Amputationen nicht beachtet und lediglich den einzigen deutschen wissenschaftlichen bzw. medizinethischen Beitrag zu diesem Thema anführt, der nur in konservativen bzw. klerikalen US-amerikanischen Fachblättern zum Thema Medizinethik eine gewisse Beachtung gefunden hat. Dort wurde er sogar übersetzt. Dass die Verfasserin aber gar keine Argumente für Ihre Thesen anführt, dass sie freiwillige Amputationen ablehnt, das erfährt der Leser leider nicht. Vermutlich ist auch das der Grund dafür, dass die neuesten medizinethischen Beiträge den von Tolmein angeführten Artikel gar nicht beachtet haben.
Ob freiwillige Amputationen im rechtlichen Sinne tatsächlich sittenwidrig sind, das darf bezweifelt werden. Immerhin hat der Bundesgerichtshof bereits 2004 den Tatbestand „sittenwidrige Einwilligung“ sehr stark eingegrenzt und sieht ihn nur dann erfüllt, wenn ein Verletzter in die Nähe des Todes gebracht wird. Eindeutig stellt sich das Bundesgerichtshof auf den Standpunkt, dass unter sittenwidrig nicht eine moralische Bewertung des erkennenden Gerichts oder von Teilen der Bevölkerung maßgeblich sei. Von da her ist nicht ausgemacht, ob eine freiwillige Amputation, die pro artis durchgeführt wird, tatsächlich sittenwidrig ist. Man darf eher davon ausgehen, dass eine diesbezügliche Revision Erfolg haben dürfte (BGH 2 StR 505/03, Urteil vom 26. Mai 2004).
Das bedauerliche an der international geführten medizinethsichen bzw. bioethischen Diskussion des Themas BIID in Deutschland ist, dass sie sich zu sehr an den möglicherweise entstehenden Kosten im Gesundheitswesen orientiert und weniger an der viel grundsätzlicheren Frage, ob es sich tatsächlich um eine psychiatrische Krankheit handelt.
Für die Betroffenen ist es in wirtschaftlicher Hinsicht gleichgültig, ob freiwillige Amputationen als Ursache einer Erkrankung oder einer schönheitschirurgischen Behandlung angenommen werden. Leistungen für die Akutbehandlung, berufliche und soziale Wiedereingliederung werden aus dem Rehabilitationsrecht ohne Anerkennung einer Ursache geleistet. Während die Krankenassen lediglich nur dann zur Leistung verpflichtet sind, wenn freiwillige Amputationen auf der Grundlage einer durch die WHO anerkannten Krankheit durchgeführt worden sind.
Daher stellt sich die Frage, wer profitiert von der Erfindung einer neuen psychiatrischen Krankheit? Gewiß nicht die Betroffenen, denn ihre Ansprüche auf Kostenübernahme der Folgen bestehen bereits jetzt schon auf der Grundlage des Rehabilitationsrechts aber nicht des Krankenkassenrechts in Deutschland.
Warum rückt die bioethische bzw. medizinethische Diskussion über freiwillige Amputationen in den letzten zwei Jahren in den Fokus der Öffentlichkeit? Immerhin ist das Problem so alt wie das Menschengeschlecht ist. Es darf vermutet werden, dass die Diskussion über freiwillige Amputationen im Zusammenhang mit der im Jahre 2013 bevorstehenden Neuauflage des DSM steht. Die Ärzteschaft im Dunstkreis der Psychologie und Psychiatrie ist tief gespalten in viele Lager (da gibt es die klerikalen, die liberalen, die konservativen). Aus soziologischer Sicht ist die These, Transsexualität sei eine Krankheit, nur schwer aufrecht zu erhalten. Die Diagnose „ADS“ ist heute höchst umstritten und es ist wohl nur noch eine Frage von wenigen Jahren, bis hier die ersten Schadensersatzklagen gegen Ärzte von Betroffenen wegen ihres Medikamentenmißbrauchs geführt werden. Andere Ärzte setzen sich weltweit dafür ein, dass Homosexualität wieder in den DSM aufgenommen wird. Da kommt eine neue Krankheit gerade zur rechten Zeit, denn alle beteiligten Ärzte können sich darauf berufen, dass freiwillige Amputationen ggf. gegen ihre Auslegung ethischer Grundsätze verstoßen könnten. In der moralischen negativen Bewertung einer freiwilligen Amputation wird ihnen die Bevölkerung zustimmen. Krank ist hier also die Einstellung weniger Menschen, die durch Therapie verändert und scharf sanktioniert werden soll. Auch wenn so wie im Falle der Transsexualität und ADS niemals ein wissenschaftlich nicht umstrittener Nachweis über ihren Bestand und mögliche Ursache gelungen ist.
Menschen, die mit BIID leben, haben kein psychisches Problem, sondern ein physisches. Sie sind Menschen mit einer Amputation oder Querschnittlähmung im Geiste, der Körper entspricht aber dieser Realität nicht und er sollte entsprechend verändert werden.
BIID ist in letzter Konsequenz lediglich ein „Aufreger“ für Menschen, die sich gerne und übertrieben stark ohne Grund in die persönlichen Angelegenheiten ihrer Mitmenschen einmischen. Selbstverständlich darf und sollte eine gewisse moralische Entrüstung über freiwillige Amputationen geäußert werden. Was ist eigentlich mit den unfreiwillig Amputierten? Müssen die sich in der Zukunft die Frage gefallen lassen: Wolltest Du die Amputation? Gerade von Ärzten hätte man in diesem Zusammenhang mehr gesellschaftliches Fingerspitzengefühl erwarten können. Doch jetzt ist es zu spät, denn einige Ärzte haben Lunte gerochen und versprechen sich durch die Erfindung einer neuen Krankheit mehr Umsatz und Gewinn. Allzu ehrgeizige und forsche Privatdozentinnen, "post-emanzipierte Psychologinnen" aus der südlichen Provinz und Esoteriker beherrschen derzeit die Diskussion über freiwillige Amputationen in Deutschland.
Die Hinweise mehren sich, dass Mediziner, auch in Deutschland, freiwillige Amputationen durchführen und durchgeführt haben. Der Zustand, den wenige als BIID bezeichnen, ist nicht neu. Wenige Ärzte kannten ihn schon bevor der amerikanische Psychiater Michael First ihm einen Namen gegeben hat.
Sittenwidrigkeit und Ethik, das sind zwei Begriffe, die die sicher lang anhaltenden Folgediskussion über freiwillige Amputationen prägen werden. Bereits jetzt zeichnen sich unter Betroffenen unterschiedliche Meinungen ab. Das belegen zumindest die Beiträge in den einschlägigen Foren. Sie sind zu ihrem Nachteil noch weit davon entfernt, ihre berechtigten Interessen gemeinsam zu vertreten. Zu hoffen bleibt, dass hier eine Lösung gefunden wird, die kein sozialpolitisches Porzellan zerschlägt. Der Beitrag von Oliver Tolmein könnte dazu als ein erster Beitrag verstanden werden.
- BIID in Deutschland angekommen (01.06.2009)
- Body Integrity Identity Disorder in den Medien (24.02.2009)
- Arzt spricht sich für freiwillige Amputationen aus (07.11.2008)
- Betrachtungen eines Lebensentwurfs. Ist die Body Integrity Identity Disorder angeboren? (11.08.2007)