Erfahrungen mit Skoliose

"Ich weiß, daß ich damals lieber schön und blind gewesen wäre...".

Erfahrungen mit Skoliose

In meiner Jugend war ich mindestens ab dem 10. Lebensjahr regelmäßig bei Orthopäden. Es fing an mit Einlagen gegen Knick-Senk-Spreizfüße. Dann wurde eine Knorpelstörung im Knie (Osteochondrosis dissecans) festgestellt und mit zweimaliger Ruhigstellung in einem zirkulären Gips für acht Wochen behandelt.Bei Stürzen brach ich mir außerdem zweimal einen Arm und so wurde in der Schule schon gewitzelt: "Ach Ursula, heute gar kein Gips?" Irgendwann (ich werde noch versuchen rauszukriegen, wann genau das war) stellte der Orthopäde dann einen Beckenschiefstand und eine S-Skoliose mit Torsion eines Wirbels fest. Ich bekam Krankengymnastik, ein Gipsbett und eine Schuherhöhung verordnet.

Diese Schuhe, die wahrscheinlich kaum einer bemerkte, waren für mich das erste, was ich wirklich als schlimm empfand. Es störte mich, auf das eine Paar Schuhe festgelegt zu sein und ich hatte das Gefühl, jedem fiele diese dicke Sohle auf. Ich könnte nicht einmal sagen, ob Bemerkungen gemacht wurden, ich glaube es war mehr die Angst vor den Beurteilungen in den Köpfen der anderen.

Auch das Gipsbett war unangenehm. Ich lag zum Einschlafen immer auf einer Körperseite, jetzt mußte ich auf dem Rücken liegen. Irgendwie gelang es mir zwar, auf dieser Schale einzuschlafen, aber jeden Morgen stand das Ding vor dem Bett, ohne daß ich die blasseste Erinnerung daran gehabt hätte, wann und wie ich es ausgezogen hatte. Diese Prozedur bekam dem Gipsbett auch nicht besonders gut, und so war es irgendwann kaputt. Statt eines neuen Gipsbettes wurde mir nun ein Korsett (Milwaukeekorsett, Anm. der Orthopoint Redaktion) angepaßt.

Zuerst war ich gespannt, was mich da erwartet. Die erste Anprobe war denn der Schock. Das Ding war häßlich und unbequem. Am schlimmsten war, daß nicht einmal ein Rollkragenpullover das Gestell vollständig verbergen konnte. Ich war sowieso ein schüchternes Mädchen, meine Freundinnen machten sowieso mehr Eindruck auf die Jungs - und jetzt das. Wieder ist es so, daß ich nicht einmal sagen kann, ob man mich tatsächlich gehänselt hat, aber wahrscheinlich ist die Angst vor negativen Reaktionen genauso schlimm wie das, was tatsächlich passiert.

Ich weiß, daß ich damals lieber schön und blind gewesen wäre, als mit diesem häßlichen Gestell herumzulaufen.

Ich möchte nicht behaupten, daß ich darin absolut konsequent war, auch das Korsett stand, wie zuvor das Gipsbett morgens manchmal "unerklärlicherweise" vor meinem Bett. Es gab mit meinen Eltern viele Diskussionen darüber, wann ich es anziehe und wann nicht.

Ich habe nicht das bestes Gedächtnis, aber daß dieses Ding die Krankenkasse über 1000,-DM gekostet hat habe ich so oft hören müssen, daß es sich tief ingeprägt hat. Irgendwann war der Spuk dann vorbei. Meine Wirbelsäule war (und ist) nicht gerade, man kann den Rippenbuckel noch sehen, aber er ist recht undramatisch, finde ich.

Ich machte eine Erzieherausbildung, zog nach Berlin und arbeitete drei Jahre in einer Kindertagesstätte. Auf meinen Wunsch ließ ich mich zur Ergotherapeutin umschulen und arbeite bis zu Geburt meines ersten Kindes (1988) in einem Reha-Zentrum. Als mein Sohn ein Jahr alt war, nahm ich eine Halbtagsstelle in einem Wohnheim für behinderte Kinder und Jugendliche an. Bis dahin hatte sich niemand für meine Skoliose interessiert und auch ich habe eigentlich keinen Gedanken mehr daran verschwendet.

Nachdem ich einige Wochen dort gearbeitet hatte, wurde routinemäßig eine arbeitsmedizinische Untersuchung durchgeführt. Bei der Anamnese (Vorgeschichte einer Krankheit, Anm. Orthopoint Redaktion) fragte der Arzt nach Erkrankungen und ich zählte auf, was ich alles hinter mir hatte. Er ließ sich meinen Rücken zeigen und schrieb in seinen Bericht, daß ich nicht mehr als 10 kg heben und nicht mehr als 5 kg tragen dürfe. Da ich aber schwerstbehinderte Kinder aus dem Rollstuhl heben mußte, hätte die Einrichtung mich nach der Probezeit nicht übernommen. Es gefiel mir da und ich sah überhaupt nicht ein, daß ich bei der Arbeit etwas nicht tun sollte, was ich in der Freizeit ja ständig tat. Sollte ich meinen kleinen Sohn nicht mehr hochheben, wegen jeder Kiste Mineralwasser um Hilfe rufen? So behindert fühlte ich mich nicht. Nach Jahren ging ich also wegen eines Gegengutachtens wieder zum Orthopäden und der bestätigte mir, daß meine Wirbelsäule zwar beeinträchtigt ist, solche Maßnahmen aber nicht erforderlich seien. Ich konnte meine Arbeitsstelle behalten.

Heute bin ich 43 Jahre alt, verheiratet und habe drei Kinder. Viele Bekannte in meinem Alter klagen mehr über Rückenschmerzen als ich... .

In einer Liste von Internet-Foren stieß ich vor einiger Zeit auf das Skolioseforum im Orthopoint und auf andere Seiten über Skoliose. Der Bericht eines 13jährigen Mädchens fiel mir auf, das genau die Probleme hatte, die mich damals so belasteten und ich dachte darüber nach, wie sehr man sich doch von Menschen beeinflussen läßt, die irgendwann aus dem Leben verschwinden. Was können sie für Spuren hinterlassen!

Man braucht viel innere Stärke, um mit dieser Krankheit fertig zu werden. Ich kannte damals keinen Menschen, der das gleiche oder vielleicht noch größere Pech hatte wie ich. Ich habe mich da durchgekämpft, bin sicher auch daran gewachsen. Es ist schön, daß es heute mehr Möglichkeiten gib zu spüren, daß man nicht allein ist.

Ursula Hirling