Tanzen mit Handicap

Eine Leseempfehlung: Freies Tanzen im Rollstuhl ohne Hemmungen?

Ein Buch von Monika Heinrichs: Freies Tanzen-mit behinderten und nichtbehinderten Menschen

[Orthopoint, Hamm] Ob die anschauliche und allgemeinverständliche Wirkung angelsächsischer Fachliteratur ein Vorbild für das Buch "Freier Tanz" der Tanzlehrerin Monika Heinrichs war, kann nur vermutet werden. Das Buch der Autodidaktin, die seit einem Unfall querschnittgelähmt ist, wurde für Übungsleiter geschrieben. Es könnte jedoch in vielfältiger Weise dazu beitragen, sowohl den verkrusteten Behindertensport zu flexibilisieren als aber auch eine neue integrative Kultur- und Freizeitmöglichkeiten zu initiieren. Bedauerlich ist allemal, daß sich positives Selbstbewußtsein vieler Menschen mit einer Behinderung erst in diesem Jahrhundert manifestierte. Sie wurden daher viel zu spät Träger und Verfechter kultureller Ideen. Im Bereich des Tanzens ist dies nicht anders. Nichtbehinderte setzten die Maßstäbe im Tanz. Erst seit den 80er Jahren dieses Jahrhunderts suchen Menschen mit einer Behinderung nach ihren tänzerischen Ausdrucksmöglichkeiten. Dabei bewegen sie sich wie so oft im Spannungsverhältnis von Eigen-und Fremdakzeptanz der Behinderung, tradierten, bereits bestehenden Tanzformen und ihrem Verlangen nach individueller Entfaltung im Tanz. Noch wenige wagen einen Schritt zum Ausdrucksmittel seelisch und geistiger Vorgänge durch Körperbewegung, Gestik und Mimik begleitet durch Musik. Hemmschwellen zum Tanzen wollen überwunden werden dabei kann der eigene Körper positiv erfahren werden.

Monika Heinrichs beschrieb bereits 1992 im Vorwort des Begleitbuchs zum ersten internationalen Artistic Dance Workshop an der Deutschen-Sport-Hochschule (DSH) Köln, daß der "Freie Tanz" eine neue und aufregende Welt eröffne, sich selbst, seinen Körper und andere Menschen wahrzunehmen und kennenzulernen. Dabei könne auch der Rollstuhl als Ausdrucksmittel bestehen und als solches positiv empfunden werden. Seit 1982 versuchte sie, mit der von ihr mitbegründeten und weit über Köln heraus bekannt gewordenen integrativen Tanzgruppe MOBIAKI den "Freien Tanz" zu verbreiten. Seine Grundlagen beruhen auf dem Bestreben aller Tänzer, gleichberechtigt und selbstbestimmt auf der Grundlage von Improvisation zu tanzen. Improvisieren bedeutet, tanzen ohne die Vorgabe einer bestimmten Bewegungsform in wechselnder Führung der Partner, mit dem Zweck das Gespür füreinander und den eigenen Körper zu schulen. Dabei werden einzelne Bewegungsfolgen, die aus unterschiedlichen Tanzstilen bestehen können, in der Tanzgruppe von jedem nachvollzogen und entsprechend den eigenen Voraussetzungen umgesetzt. Nachvollziehbar ist hier, daß die Tänzer durch diese Unterrichts- und Tanzmethode ihre eigene Bewegungsmöglichkeiten individuell erweitern können. "Jeder Mensch kann tanzen und im und Tanzen voneinander lernen", so das Chredo der Autorin.

Die von Heinrichs gewählte Bezeichnung "Freier Tanz" entwickelte sich als "pantomimischer Tanz" bereits auf den Bühnen des Bauhauses unter Oskar Schlemmer, einer Gruppe von Avantgardekünstlern. Rudolf von Laban, Mary Wigman und Dorothee Günther entwickelten in Deutschland zwischen 1910 und 1933 den "Freien Tanz" als Gegenströmung zum klassischen Ballett. Ähnlich den Entwicklungen im Bereich der modernen Kunst dieser Jahre wollten die Tänzerinnen ohne die Schranken tradierter Choreographien, vorgegebener Musikstile und Regeln sich und ihren Körper zum Mittelpunkt des neuen tänzerischen Ausdrucks machen. Als eine notwendige Voraussetzung erschien den Tänzerinnen, eine Erweiterung der ihnen eigenen tänzerischen Bewegungsmöglichkeiten, dies gelang ihnen durch tänzerische Improvisation. Es darf vermutet werden, daß die Wurzeln Heinrichs Arbeit hier liegen. Zwischen 1984 und 1985 tanzte sie unter Anleitung einer Schülerin von Maja Lex an der DSH, einer früheren Mitarbeiterin von Dorothee Günther. Maja Lex hatte in den 60er Jahren den "Freien Tanz" als "Ausdruckstanz" dort eingeführt. Heinrichs "Freier Tanz" berücksichtigt auch die Kontaktimprovisation. Die im Amerika der 50er Jahren entwickelte Kontaktimprovisation wäre ohne den "Neuen Tanz" nicht denkbar. In ihr befriedigen die Tänzer ihr Bedürfnis nach Individualität und Nähe im Tanz mit den Mitteln des gegenseitigen Haltens und Gehaltenwerdens, auch ohne daß Musik erforderlich wäre. Als wichtige Voraussetzung gilt, daß die Tänzer gegenseitiges Vertrauen aufbauen wollen. Die Konatktimprovisation zwingt die Tänzer nicht zu einer bestimmten Tanztechnik oder ästhetischen Struktur. Der Tanz will als Ereignis bewertet werden, dessen Bedeutung im Tanz selbst liegt. Kontaktimprovisation will sich als kreative künstlerische Leistung verstehen, die aus dem Innersten der Persönlichkeit schöpft und das innere Bewegtsein zu künstlerischen Bewegungsfolgen formen will.

Heinrichs Hoffnung, daß vom "Freien Tanz" positive gesellschaftliche Entwicklungen ausgehen mögen, erscheint nicht unberechtigt zu sein. Der amerikanische Tanzkritiker Banes schrieb 1985 über die politische Bedeutung der Kontaktimprovisation, daß sie einen Lebensstil projiziere, der für ein Modell für einer möglichen Welt, in der Improvisation für Unabhängigkeit und ein Miteinander und Gewichtgeben für Schutz und Zusammenhalt stehe. Bewegung vertreibt/den Zweifel,/beschreibt die Freude/ von schwebender Berührung", so beschreibt Heinrichs in einem Gedicht ihre Erfahrungen mit dem "Freien Tanz". Im Buch werden ihre Erfahrungen durch weitere authentische Erfahrungsberichte andere Tänzer gestützt. Daß der "Freie Tanz" weniger die Gefühle beschreiben, sondern den Wandel und Wechsel seelischer Zustände als rhythmisch bewegtes Auf und Ab festhalten will, belegt Heinrichs Gedicht "Frei": Im offenen Raum/ eröffnen/ Unterschiede Türen,/führen weiter/ in das Wesen/lesen wesentliche Dinge,/finden Heimat in der Fremde./. Damit stellt Heinrichs fest, daß sie den Freien Tanz nicht als therapeutisches Mittel zu nutzen sucht, sondern als ein natürliches Ausdrucksmittel.

Albrecht Marignoni



Monika Heinrichs: Freies Tanzen-mit behinderten und nichtbehinderten Menschen; Band 2 der Reihe DRS-Mobil mit Rollstuhl; Dortmund 1998; 96 Seiten mit zahlreichen teils farbigen Abbildungen; ISBN 3-9803513-4-3; 38,50 DM; Bezugsquelle: DRS Geschäftsstelle, Friedrich- Alfred- Str. 10, 47055 Duisburg


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