Orthopoint Dossier: Body Integrity Identity Disorder

Body Integrity Identity Disorder: Betrachtungen eines Lebensentwurfs

Ist die Body Integrity Identity Disorder angeboren?

Teil 1 von Albrecht Marignoni

[Orthopoint Magazin, Dossier] Nachdem der schottische Arzt Robert Smith im Jahre 2000 bei mehreren Patienten ein gesundes Bein amputiert hatte, war die Aufregung groß. Seine Patienten, so darf vermutet werden, litten an einem Zustand, den 2005 Michael First, Professor für Psychiatrie an der Columbia University und Bearbeiter des DSM, dem führenden Handbuch psychischer Störungen, als Body Integrity Identity Disorder bezeichnet hatte. Nach einer BBC Dokumentation des Falles verbot die schottische Nationalregierung weitere Behandlungen dieser Art. Der öffentliche Druck und die moralische Empörung über seine Behandlung war zu groß.

Die Body Integrity Identity Disorder* ist ein Zustand, der sich beschreiben lässt als eine Abweichung des tatsächlichen Zustands des Körpers vom geistigen Bild des eigenen Körpers. Menschen mit BIID streben danach, die tatsächliche Realität ihres Körpers oder eines Sinnes der geistigen, vorgestellten Realität anzupassen. Meist tritt dieser Wunsch bereits in der Kindheit auf. Vergleichbar ist dieser Zustand nur mit dem eines Transsexuellen, der sich ein Leben im anderen Geschlecht wünscht.

Robert Smith war bisher der einzige Arzt in einem öffentlichen Gesundheitssystem weltweit, der eine operative „Richtigstellung“ des körperlichen Zustands durchgeführt hat. Zusammen mit dem New Yorker Psychoanlytiker Gregg Furth hatte er ein Buch veröffentlicht, das die Body Integrity Identity Disorder als angeborene Grundüberzeugung darstellte, die mit herkömmlicher medizinischer Behandlung nicht zu ändern sei. Bereits 1977 hatte ein amerikanischer Psychiater erkannt, dass es Menschen gibt, die sich die Amputation einer Gliedmaßen wünschten. Er bezeichnete diesen Wunsch als „Apotemnophilie“ (die Lust am Abschneiden). Heute versuchen Hirnwissenschaftler und Neuropsychologen, eine Erklärung für diesen Zustand zu finden. So hegt etwa der Züricher Neuropsychologe Peter Brugger den Verdacht, dass die Ursache der Body Integrity Identity Disorder ein Problem der Repräsentation des Körpers im Gehirn sei, dessen Ursache freilich derzeit noch nicht erklärbar sei.

Zu viel ist unbekannt und dennoch steigt die Aufmerksamkeit für die Body Integrity Identity Disorder gerade unter den Medizin-und Bioethikern. Die Frage lautet, darf ein Arzt die von den Betroffenen gewünschte Behandlung durchführen. Dies bejaht eine Mehrheit der an dieser Diskussion beteiligen Ethiker. So schrieben Tim Bayne und Neil Levy, da eine herkömmliche medizinische Behandlung zwecklos sei und bei den Betroffenen faktisch das die betroffene Gliedmaße nicht mehr vorhanden sei, bestimmten humane Gesichtspunkte die Art der Behandlung. Sie sehen kein ethisches Problem bei Amputationen eines gesunden Beins. Dagegen argumentiert der amerikanische Bioethiker Carl Elliott, der nicht nur die Gefahr einer neuen Modekrankheit herufbeschwört, sondern das Scheitern herkömmlicher Behandlungen in Frage stellt.

In einem australischen Weblog wird längst darüber debattiert, ob der Zustand BIID sich nicht auch auf andere Wünsche des Eintritts einer Behinderung bezieht. So wird die Korrespondenz des Blogbesitzers mit Michael First abgebildet, der seiner These zustimmt, dass auch der Wunsch nach dem Eintritt einer Querschnittlähmung dem Zustand Body Integrity Identity Disorder zuegrechnet werden könne. Weitere Weblogs werden zum Wunsch nach dem Eintritt einer Gehörlosigkeit und Erblindung publiziert.

Im deutschen Sprachraum besteht eine auffällige Zurückhaltung in Sachen BIID. Bisher haben noch keine namhaften Wissenschaftler ihre Erkenntnisse über die Body Integrity Identity Disorder veröffentlicht. Besteht hier eine ethische Hemmschwelle im Mutterland der Kulturepoche der Romantik? Ist in Deutschland eine Diskussion über die Einheit von Körper, Geist, Seele und Amputation ein Tabu?

* Body Integrity Identity Disorder läßt sich in die deutsche Sprache mit "Körper-Integritäts-Identitäts-Störung" übersetzen.

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Orthopoint Dossiers
1. Teil: Ist die Body Integrity Identity Disorder angeboren?
2. Teil: Das Leiden an der Body Integrity Identity Disorder
3. Teil: Die Body Integrity Identity Disorder und der Eid
4. Teil: Die Quellen zum Orthopoint BIID Dossier


Weitere aktuelle Nachrichten zum Thema BIID:
Arzt spricht sich für freiwillige Amputationen aus.
http://www.orthopoint.de/magazin/20742008.html


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