Body Integrity Identity Disorder in den Medien, Teil 2

Das gesellschaftliche Schockerlebnis BIID: Eine Medienanalyse

Ein Kommentar von Albrecht Marignoni

2009-02-24
Die Veröffentlichungen gehen jeweils auf die noch junge und wenig gefestigte medizinische Begriffsentwicklung der BIID ein. Alle Veröffentlichungen unterstellen neben anderen Erklärungsansätzen eine sexuelle Komponente bei BIID. Der einzige Wissenschaftler, der freiwillige Amputationen allein auf sexuelle Wünsche zurückgeführt hatte, war der US-amerikanische Psychologe John Money (1977), dem bereits 1997 einige wissenschaftliche Fälschungen im Zusammenhang mit Fragen, die die Intersexualität betreffen, nachgewiesen worden waren. Auch die Aussagen der von den Journalisten befragten Personen, können nicht eindeutig als sexuelle Präferenz gewertet werden, denn es bleibt offen, was die Befragten unter sexueller Stimulanz im Zusammenhang mit BIID verstehen.

Ein auffällig großer Raum wurde in allen Artikeln über BIID den Aussagen deutschsprachigen Psychologen und Psychiatern eingeräumt. Die Zürcher Zeitung folgte sogar einem Amputationswilligen in das Vorzimmer einer psychiatrischen Praxis. Der unkritische Blick fällt dabei nicht auf das Schauspiel, dem er beiwohnt, sondern auf den „schmucklosen PVC-Boden“ der Praxis. Den Rest der Geschichte in der Praxis hält er dem Leser dankbarer Weise vor. Die Süddeutsche Zeitung wird konkreter, Silke Bigalke zitiert deutschsprachige Psychiater und Neurologen. „Typisch ist“ für die angebliche Krankheit BIID, die es noch zu definieren gilt, „dass die Betroffenen überdurchschnittlich gut ausgebildet sind. Sie sind ehrgeizig, sportlich, überwiegend männlich und unterfordert.” Eine Psychologin aus Österreich skandiert paternalistisch, dass sich die “Betroffene outen müßten, damit das Problem sichtbar wird.”

Silke Bigalke will dem Leser auch nicht vorenthalten, dass es durchaus fraglich ist, ob BIID eine Krankheit ist. Dem von ihr befragten Psychologen aus Norddeutschland fällt dazu nicht viel mehr ein als: "Wenn man Krankheit so definiert, dass ein Mensch unter den Symptomen leidet, dann würde das auf BIID zutreffen. Wird der Druck zu groß, kommt es vor, dass Betroffene sich selbst verletzen.” Als ob der Leser eine Bestätigung für seine Annahme benötigt, BIID sei eine Krankheit, wird sie Per definitionem von einem Psychologen dazu erklärt. Das ethische Problem der Selbstverletzung, entweder hervorgerufen durch eigenes Tun oder die Hilfe eines Arztes, wird “psychisch” zu einem Krankheitssymtom erklärt. Dass hier eine Personengruppe, die sich nicht für psychisch krank hält, von einem Psychologen dafür erklärt worden ist, dass hinterfragt Bigalke nicht; die streitbare öffentliche Aussage eines Wissenschaftlers zu einem philosophischen und ethischen Problem bleibt ohne kritisch wissenschaftliche Gegenrede.

Es klingt absurd: Der Leser erfährt, dass ein multidisziplinär diskutiertes ethisches und gesellschaftliches Problem eine Krankheit sein soll, deren Krankheitswert aber erst noch zu ermitteln ist. Dabei fällt gar nicht auf, dass Krankheiten jeden treffen können und nicht nur bestimmte gesellschaftliche Gruppen. Bei einer weiteren kritischen Betrachtung der Aussagen der Psychiaterin hätte auffallen müssen, dass lange Weile ein ganz neuer Erklärungsansatz für psychische Krankheiten wäre, den es natürlich nicht gibt. Hier werden Wissenschaftler vorgeführt, die vor einem Rätsel zu stehen scheinen, das von ihnen noch zu lösen ist. Mutmaßungen sind im Zusammenhang mit einem Schockerlebnis offensichtlich erlaubt, auch wenn sie etikettieren und stigmatisieren.

Ganz nebenbei beteiligen sich Journalisten dadurch an der Erweiterung des potentiellen Kundenstamms der deutschen Psychiatrie und Psychotherapie. Wo denn nun der Krankheitswert bei BIID liegt, das konnte schon der Psychologe aus Norddeutschland nicht umfassend erklären. Er sitzt im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Psychologie (DGMP). Deren erklärtes Ziel es u.a. ist, im Bereich der “Krankenversorgung weitere Tätigkeitsfelder zu erschließen.” Offensichtlich sieht er hier ein neue Einnahmequellen für seinen Berufsstand, denn Leid ist ein schwammiger Begriff im Zusammenhang mit BIID und da muß es doch eine Möglichkeit geben, eine neue Krankheit zu konstruieren.

Ein Schockerlebniss löst eine Krise aus, deren Bewältigung ein Lernprozess bedeutet. Aus ihm kann ein Mensch gestärkt hervorgehen, oft bedarf es dabei einer helfenden Hand. Die Beiträge der Journalisten haben ihren Lesern diese Hilfe leider nicht gegeben. Sie haben durch die kritiklose Übernahme von öffentlich ausgesprochenen persönlichen Meinungen deutschsprachige Wissenschaftler die sogenannten Betroffenen etikettiert. Die öffentliche Darstellung des Themas BIID, seine umstrittene Rezeption in der Psychiatrie und die Wahrnehmung durch die Printmedien entspricht dem Stil der Diskussion über die Intersexualität, die Homosexualität und Behinderungen der letzten Jahre. Auch hierbei werden Menschen stigmatisiert. Den Lesern wurde die Chance, neues Wissen zu generieren vorenthalten und damit der wichtige Lernprozess in Sachen BIID unterdrückt.

Obwohl etwa Silke Bigalke und Birger Menke im Spiegel Online Menschen mit BIID vorstellen, gelingt es beiden nicht, die biographischen Erfahrungen der Amputationswilligen dem Leser zugänglich zu machen. Silke Bigalke bleibt bei der Darstellung des Wunsches und des Berufs der freiwillig behinderten Menschen. Birger Menke stellt die Gegenwart in den Mittelpunkt seiner Berichterstattung. Die Gesellschaft hätte einen Anspruch darauf gehabt, aus den biographischen Erfahrungen mit der atypischen Identitätsentwicklung hinsichtlich des Leibs der “Betroffenen” zu lernen. Dieser Lernprozess hätte eine Stigmatisierung der zukünftig freiwillig amputierten Menschen verhindern können.

zurück zu Teil 1


Die gelesenen Artikel [alle zuletzt gelesen am 24.02.2009]:

Alexander Kissler: Gewollt behindert - Mein Haus, mein Auto, meine Schwerstbehinderung, Süddeutsche Zeitung, 21.11.2005
http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/756/64692

Alexander Kissler: Recht auf Selbstverstümmelung - Mein Bein gehört mir. Weg damit!, Süddeutsche Zeitung, 16.12.2005
http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/337/66271

Robin Marantz Henig: At War With Their Bodies, They Seek to Sever Limbs, New York Times, 22.03.2005
http://www.nytimes.com/2005/03/22/health/psychology/22ampu.html?pagewant...

Birger Menke: Phänomen BIID: Wenn Gesunde behindert sein wollen, Spiegel-online, 22.09.2008
http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,578361,00.html

Katia Meyer-Tien: Vom Traum behindert zu sein, Frankfurter Rundschau, 23.10.2008
http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/reportage/1618188_Vom-Tra...

Silke Bigalke: Sehnsucht nach dem idealen Schnitt, Süddeutsche Zeitung, 07.01.2009
http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/762/453452/text

Unbekannt: Hier muss es ab, Zürcher Zeitung, 11.01.2009
http://www.nzz.ch/nachrichten/panorama/hier_hier_muss_es_ab_1.1676327.html


Mehr zum Thema Body Integrity Identity Disorder im Orthopoint

- Disability Studies und BIID
- Bioethik und BIID

Nachrichten Archiv

- BIID in Deutschland angekommen (01.06.2009)
- Betrachtungen eines Lebensentwurfs. Ist die Body Integrity Identity Disorder angeboren? (11.08.2007)

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 6 (2 Bewertungen)