Ein Kommentar von Albrecht Marignoni
2009-02-24
„Der Körper ist die Quelle eines anthropologischen Werts, wer ihn verletzt, der löst ein gesellschaftliches Schockerlebnis aus“. Das schrieb im Jahre 2006 der Bioethiker Thomas Schramme in einem Beitrag zum Buch „no body is perfect - Baumaßnahmen am menschlichen Körper, bioethische und ästhetische Aufrisse“ von Johannes Ach und Arnd Pollmann. Freiwillige Amputationen (fA) gehören seit Menschengedenken zu einem Phänomen, das erst 2005 in den Fokus der Öffentlichkeit geraten ist. Damals hatte der an der Columbia Universität in New York lehrende Psychiater Michael B. First dem Phänomen den Namen „Body Integrity Identitity Disorder“ (BIID) gegeben. Unter BIID verstehen US-amerikanische und britische Wissenschaftler den Wunsch nach Realisierung einer körperlichen Identität, die von der Gesellschaft mit dem Label „Behinderung“ versehen worden ist. Ärzte, so die umstrittene Forderung einiger Bioethiker, sollten die wahre Identität bei ihren Patienten herstellen dürfen.
Nicht weiter verwunderlich ist, dass Psychiater dem Phänomen BIID das Label „Disorder“ (englisch für Störung) aufgedrückt haben. Stigmatisierungen gehören zur Arbeitsweise dieser Profession, die immer dann gefragt ist, wenn menschliche Verhaltensweisen gesellschaftlichen Normen widersprechen. Freiwillige Amputationen sind so untypisch für den Menschen wie gleichgeschlechtliche Sexualität, Intersexualität oder Transsexualität. Für die Medien ist eine objektive Berichterstattung über diese Themen nicht leicht, wenn Vorurteile und Etikettierungen vermieden werden sollen. Wie spiegelt sich das Schockerlebnis BIID in den deutschsprachigen Internetmedien wider?
Im September 2008 erschien in der angesehenen Fachzeitschrift „Neuroethics“ ein Artikel von Christopher James Rayn [zuletzt gelesen am 24.02.09], Professor für Psychiatrie an der Universität von Sidney, der den derzeitigen Sachstand der neurologischen und psychiatrischen Forschung über die Ursachen der Body Integrity Identity Disorder und ihre Behandlung eingehend beschrieb. Er stellte fest, dass der Anspruch auf eine Amputation dieser Personengruppe nicht als Ausdruck einer psychiatrischen Erkrankung betrachtet werden könne. Der Anspruch sei dann gerechtfertigt, wenn keine anderen Behandlungsmaßnahmen eine Amputation verhindern könne. Derzeit seien keine Behandlungsmöglickeiten gegen den Wunsch bekannt. Hinsichtlich der Ursachen für den Wunsch nach einer Amputation, gäbe es derzeit lediglich Hypothesen. Sie besagen, es handele sich um ein Problem im Bereich des Gehirns, das bestimmte Körperteile nicht abbilden könne.
Manipulationen am menschlichen Körper rühren besonders in Deutschland an historisch bedingten gesellschaftlichen und medizinischen Tabus. Wer sich eine Amputation wünscht, so könnte angenommen werden, der handelt nicht freiwillig. Freiwillig gewünschte Behinderungen „verstoßen gegen moralische Pflichten gegenüber Anderen. Sie stehen dem Zweck der Natur entgegen und weichen von Werten ab, die in anthropologischen Überlegungen gründen.“ Diese Argumente führte Schramme gegen eine freiwillige Amputation an. Freiwillige Amputationen und andere Selbstverletzungen könnten jedoch auch als Ausdruck von Selbsttreue legitim und möglich sein. Die Berechtigung des Anspruchs könnte davon abhängig sein, wie freiwillig der Anspruch tatsächlich ist. So argumentiert Arnd Pollmann [zuletzt gelesen am 21.05.10], der an der Arbeitsstelle für Menschenrechte der philosophischen Fakultät der Universität Magdeburg arbeitet. Die wenigen Ärzte, die in Deutschland in den letzten Jahren solche Behandlungen durchgeführt haben, wollen unerkannt bleiben. Die Wissenschaftler finden nur sehr schwer Kontakte zu freiwillig Amputierten und denen, die es noch werden wollen. Sie erscheinen gerade in Deutschland derzeit noch unsicher im Umgang mit Menschen, die sie gewinnen wollen.
Das Schockerlebnis BIID zeigt wie fragil unser gesellschaftliches Wissen über den Leib tatsächlich ist. Der Leib ist heute eher Selbstzweck. Nicht seine Funktion sondern seine Gestalt und Gestaltung steht postmodern im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Interesses. In wie weit in einem solchen Kontext gedacht, BIID als Krankheit zu werten ist, das wird Gegenstand weiterer wissenschaftlicher Untersuchungen sein. Die Wahrscheinlichkeit ist indes gering, dass dieser Nachweis gelingt. Das Schockerlebnis BIID führt nicht zu Leid, sondern die mangelnden Möglichkeiten, die eigene Identität zu realisieren. So verwundert es nicht, dass BIID bis 2005 in der Öffentlichkeit und der Psychiatrie unbekannt geblieben ist.
Die Body Integrity Identity Disorder bezeichnet eine für den Menschen untypische Einstellung zum eigenen Leib. Der Begriff BIID beschreibt den Endpunkt einer akzeptablen aber seltenen Identitätsfindung hinsichtlich des eigenen Leibs, der gewohnte öffentliche Deutungsmuster des Leibs schockierend in Frage stellt. Ähnlich willkommene Anregungen, gewohnte Denkmuster zu durchbrechen, ist die Homosexualität und die Transsexualität. Auch die Begegnung mit ihrer Realität, kann ein Schockerlebnis sein. Eine freiwillige Amputation kann die Identität der Menschen festigen, die sie wünschen. Dies kann, ohne in einen gesellschaftlichen Erklärungsnotstand zu geraten, behauptet werden.
In Deutschland veröffentlichte im November 2005 Alexander Kissler, Kulturredakteur der Süddeutschen Zeitung, den ersten Artikel über BIID. Das war sieben Monate nachdem die US-amerikanische Wissenschaftsjournalistin Robin Marantz Henig in der New York Times einen ersten Aufsatz zu diesem Thema verfaßt hatte. Im deutschen Sprachraum erschienen weitere Zeitungsartikel über BIID erst wieder zwischen dem 22. September 2008 und dem 11. Januar 2009. Sie sind Gegenstand dieser Untersuchung. Zufällig ist dabei die Häufung der vier Veröffentlichungen. Alle Artikel wurden von freien Journalisten verfaßt, die in unterschiedlichen Städten in Deutschland arbeiten.
- Disability Studies und BIID
- Bioethik und BIID
- BIID in Deutschland angekommen (01.06.2009)
- Arzt spricht sich für freiwillige Amputationen aus (07.11.2008)
- Betrachtungen eines Lebensentwurfs. Ist die Body Integrity Identity Disorder angeboren? (11.08.2007)