Die DSM-IV Neubearbeitung

Leib & Seele in den Fängen der Pharmaindustrie

Eine Reportage von Albrecht Marignoni

2009-07-14
"David Kupfer führt den DSM an den Abgrund. Die APA führt ein DSM Update durch, weil sie ihre Rechnungen bezahlen muß. Das ist ein Grund, sich damit zu beeilen." Der nicht ganz ernst gemeinte Beitrag eines Twitter-Mitglieds belegt die Häme, die den Herausgebern des zukünftigen DSM-V im US-amerikanischen Internet seit längerer Zeit entgegenschlägt. Die APA ist die "American Psychiatric Association", die das "Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders" (übersetzt diagnostisches und statistisches Handbuch psychischer Störungen, DSM) herausgibt. David Kupfer ist ein Psychiater alter Schule an der Universität von Pittsburgh, der die neue Auflage des führenden Verzeichnis der Geisteskrankheiten im Auftrag der APA herausgeben soll. Die "Bibel" der Psychiatrie und Psychologie erschien erstmals 1952. Das bevorstehende Update soll 2012 in einer grundlegenden Neubearbeitung erscheinen. Bisher blieben in Deutschland die Arbeiten am DSM Update fast unkommentiert.

Anfang Juli dieses Jahres beschrieb Monika Scheele Knight [zuletzt gelesen am 14.07.09] den Einfluß der Pharmaindustrie auf die Inhalte der Neuauflage des DSM. Anhand des Beispiels "Autismus" wies die Bloggerin, Übersetzerin und Kulturreferentin nach, welchen Einfluß der DSM auf die Gesundheitspolitik und den Einzelnen haben kann. "Mir ist unbegreiflich, dass man sich hier in der Öffentlichkeit so wenig dafür (die Neuauflage des DSM) interessiert." Die Aufregung [englisch, zuletzt gelesen am 14.07.09] unter amerikanischen Internetbenutzern war hingegen groß nachdem die New York Times bereits 2008 über die Abhängigkeiten zahlreicher Wissenschaftler von der Pharmaindustrie berichtet hatte. Kommentare auf der Website belegen, wie entsetzt zahlreiche Leser über den Einfluß der Industrie gewesen sind.

Sigmund Freud vs. Wissenschaft

Tatsächlich dreht sich diesmal die Diskussion um weitaus mehr als die Eitelkeit einiger Wissenschaftler und ihre Abhängigkeiten von der Pharmaindustrie. Es geht um die Auseinandersetzung von Traditionalisten in der Psychiatrie und Neurowissenschaftlern und um das Ansehen der Psychiatrie und Psychologie insgesamt. Die Herausgeber sind untereinander zerstritten. Zwei führende Köpfe, Allen Frances und Jane Costello, haben bereits ihre Mitarbeit an dem Projekt eingestellt. Eine Bedingung zur Mitarbeit ist Verschwiegenheit in einem Arbeitsprozeß, der transparent sein sollte. Die Wissenschaftler werfen ihren verbliebenen Kollegen vor, unwissenschaftlich zu arbeiten. Allen Frances erklärte [englisch, zuletzt gelesen am 14.07.09] im Juni dieses Jahres öffentlich, dass die derzeitige Gestaltung des neuen DSM, den Psychiatern und Psychologen Millionen neuer Kunden bescheren würde. Der neue DSM würde durch seine umfassende und überflüssige "Medikamentierung" normaler Lebensäußerungen ("...imperial medicalization of normality that will trivialize mental disorder..."), tatsächliche psychiatrische Erkrankungen als trivial erscheinen lassen. Er sei eine Goldgrube für die pharmazeutische Industrie, während die Patienten stigmatisiert und zu hohen Ausgaben für ihre Behandlung gezwungen würden.

Naturwissenschaftlich belegt ist wenig im alten und wohl auch im neuen DSM-V. Die Psychiatrie und Psychologie ist noch zu sehr von den fiktionalen Werken Sigmunds Freuds, dem Karl Marx der Medizin, und seinen Jüngern beeinflußt. Körper, Geist und Seele bilden für sie immer noch eine Einheit, obwohl die Neurowissenschaften schon längst naturwissenschaftlich plausible Erklärungen für angeblich seelische Leiden vorgelegt hat. Was die Seele tatsächlich ist und was seelisches Leid medizinisch bedeutet, das konnte bis heute durch die Psychiatrie und Psychologie naturwissenschaftlich nicht begründet werden. Psychologie nach Freud und seinen Jüngern gilt heute in den USA als "soft sciences". So ist den letzten Jahrzehnten die Liste der Kritiker am "System" der Psychiatrie und Psychologie gewachsen. Die Liste führt die Antipsychiatriebewegung als Menschenrechtsbewegung an, die die Existenz psychischer Krankheiten grundsätzlich bezweifelt.

Die erfundene "Internetsucht"

"The Daily Beast" [englisch, zuletzt gelesen am 14.07.09] führt acht angeblich neuartige Geisteskrankheiten auf, von denen einige schon in den DSM-V aufgenommen worden sind: Am bizarrsten ist die "Esssucht", "Internetsucht", "Sexsucht", [englisch, zuletzt gelesen am 14.07.09] "Kaufsucht" und das "Nachts-Essen-Sydrom". Damit ließe sich gemäß der psychologischen Grundannahme "The absence of evidence is not evidence of absence" [englisch, zuletzt gelesen am 14.07.09] (das Nichtvorhandensein eines Beweises ist nicht der Beweis für das Nichtvorhandensein) annähern 90 Prozent der westlichen Bevölkerung unter 40 Jahre für psychisch krank erklären. Wie schnell die Psychologie und Psychiatrie eine Krankheit neu zu erfinden vermag, das bewies 1995 der New Yorker Psychiater Ivan Goldberg [englisch, zuletzt gelesen am 14.07.09]. Nachdem er eine frei erfundene Liste mit Symptomen der angeblichen Krankheit "Internetsucht" im Internet veröffentlicht hatte, wuchs in den folgenden Jahren die Anzahl seiner Kollegen, die die angeblichen Symptome tatsächlich bei Neukunden glaubten entdeckt zu haben. Auch deutsche Psychiater und Psychologen fielen auf den Hoax im Internet herein.

Personen, die an ihrem Körper kleinere oder größere Veränderungen vornehmen wollen oder vornehmen lassen wollen (freiwillige Amputationen), werden nach dem Erscheinen des DSM-V größere Probleme bekommen. Die sogenannte "Body Integrity Identity Disorder" ("BIID"), bisher bekannt unter dem esoterischen Label "Apotemnophilie" (die Lust am Abschneiden), soll eine profunde sogenannte Identitätserkrankung werden. Bisher gibt es zwar keinen ausreichend wissenschaftlichen Beweis dafür, dass es sie gibt oder dass tatsächlich Personen unter "BIID" leiden, aber in den USA werden freiwillige Amputationen aus soziologisch historischen Gründen (Wehrtauglichkeit) nicht gerne gesehen. Also unterstellt die Psychologie hier ein Leid und verpaßt den verdutzten "armen Betroffenen" das Label Geisteskrank. So sollen Ärzte davon abgehalten werden, die angeblich kranke "Seele" mit dem Skalpell zu heilen. Dass auch in den USA laut Verfassung der Mensch über seinen Körper frei verfügen kann, das soll hier nur am Rande noch erwähnt werden.

Transsexualität wird weiterhin als Geisteskrankheit gelten. Menschenrechtler [englisch, zuletzt gelesen am 14.07.09] versuchen zwar, eine Streichung zu erreichen, es erscheint aber fraglich, ob sich die Herausgeber von den naturwissenschaftlich fundierten Erkenntnissen, dass die Transsexualität keine "seelische" Krankheit ist, noch überzeugen lassen.

Der DSM-V scheint sich zu einem neuen Sittenbuch zu mausern. Den Herausgebern geht es um den Erhalt konservativer Normen und Werte und ist zugleich der Ausdruck von Unsicherheit einer Profession, die einmal angetreten war, seelisches Leid, was immer auch das sein mag, zu lindern. Nun hat sie der jüngeren Generation den Kampf angesagt, deren Lebensstile zumindest die Gruppe der Herausgeber vermutlich nicht mehr nachvollziehen kann. Die sogenannte Internetgeneration trägt zukünftig die Last steigender Kosten im Gesundheitswesen. Die Pharmaindustrie freut sich über zukünftig steigende Umsätze. Die Politik ist gefragt, die negativen Auswirkungen eines dicken Verzeichnisses zu korrigieren, denn ihre Verfasser möchten dafür keine Verantwortung tragen. Sie verdienen mit dem Verkauf des DSM-V genug.

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